Zum dritten Mal nach 35 Jahren Pause soll am Sonntag in München ein Faschingszug durch die Straßen ziehen. Der Termin der Veranstaltung stößt allerdings auf heftige Kritik: Der 27. Januar ist Holocaust-Gedenktag. Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden erklärte, ein Faschingsumzug an diesem Tag sei „geschmacklos und führt den Holocaust-Gedenktag ad absurdum.“
Um 11.00 Uhr sollen sich die Umzugswagen vom Odeonsplatz Richtung Siegestor in Bewegung setzen. Von dort geht es über Theresienstraße und Barer Straße zum Stiglmaierplatz. Im Gegensatz zu den vergangenen beiden Jahren führt der Zug nicht durch die Brienner Straße, da der Zug auf dieser Route direkt am Platz der Opfer des Nationalsozialismus vorbeikäme. Der Veranstalter, die Faschingsgesellschaft der „Damischen Ritter“, hat die Route wegen der Terminüberschneidung mit dem Holocaust-Gedenktag geändert.
Auch in Regensburg sollte der Faschingszug eigentlich am 27. Januar stattfinden. Nach scharfer Kritik von jüdischen und anderen Organisationen wurde er jedoch auf den Faschingssonntag am 3. Februar verlegt. In München halten die Veranstalter dagegen am Termin fest. Helmut Wollner, Sprecher der „Damischen Ritter“, bedauerte die Panne bei der Terminplanung. Aus organisatorischen Gründen sei eine Verlegung des Termins aber nicht möglich.
Am 27. Januar 1945 wurden die Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau von der Roten Armee befreit. Bundespräsident Roman Herzog erklärte 1996 den 27. Januar zum nationalen Holocaust-Gedenktag. Seit einem Beschluss der Vereinten Nationen von November 2005 wird dieser Tag auch international begangen.
Hatte jeder die Bedeutung des 27. Januar 1945 parat? Vermutlich nicht, denn der Tag der Befreiung des Lagers Auschwitz durch US-Truppen wird erst seit 1996 als Holocaust-Gedenktag begangen. Die Veranstalter des Münchener Faschingszuges wussten das wohl so wenig wie Zünfte in Südbaden, dass der kommende Sonntag historisch belegt ist.
Deshalb dürfe er nicht mit Mummenschanz bespielt werden, meint der Zentralrat der Juden. Aber ist dieser Moralismus richtig? Charlotte Knobloch erwartet, dass am diesem Sonntag das öffentliche Leben in Ehrfurcht und Stille erstarrt. Wenn es um den demonstrativen Verzicht geht, sollen die Narren immer als erste Verzicht tun: An ihnen soll das Exempel von Lustverzicht und Buße statuiert werden – während andere Feten ungeniert stattfinden. Nützlich wäre jetzt weniger Vibrato. Souverän wäre es, die Narren feiern und andere gedenken zu lassen.
In einem pluralen Staat erzwingt man reuevolle Meditationen nicht. Jeder Bürger hat am 27. Januar das Recht, sich zu amüsieren oder still auf dem Sofa zu sitzen. Das könnten alle akzeptieren, ohne gleich Vergesslichkeit oder Vorsatz zu vermuten.
Der letzte Landespresseball in Baden-Württemberg fiel übrigens auch auf einen Gedenktag. Am besten wäre es doch, den Deutschen das Tanzen und Feiern ganz zu verbieten und ihnen tägliches Gedenken vorzuschreiben. Es dürfte doch kein Problem sein, den Kalender mit Gedenktagen vollzubekommen.